Respekt für junge Schiedsrichter — warum wir aufhören müssen, sie anzuschreien
Ein Plädoyer für eine andere Spielfeld-Kultur in der Jugend. Geschrieben aus der Sicht eines Vaters, dessen 12-jährige Tochter ihren Schiri-Schein gemacht hat — und der jeden Samstag erlebt, was am Spielfeldrand schief läuft.
Meine Tochter ist 12 Jahre alt. Sie hat im letzten Jahr ihren Schiedsrichter-Schein gemacht, weil sie Fußball liebt und Verantwortung übernehmen wollte. Sie steht jetzt Wochenende für Wochenende alleine auf dem Platz, pfeift Spiele der D- bis A-Jugend, ohne Linienrichter, ohne Assistenten, ohne jemanden der ihr den Rücken stärkt. Und sie erlebt Dinge, die ich keinem Kind wünsche: Trainer die brüllen, Eltern die toben, Spieler die nach jeder Entscheidung diskutieren oder beleidigen. Sie ist 12. Es ist Ehrenamt. Wir spielen nicht Bundesliga. Und trotzdem benehmen sich erwachsene Männer und Frauen am Spielfeldrand, als wäre jede Abseitsentscheidung ein Skandal. Dieser Artikel ist ein Plädoyer — für mehr Respekt, für ein anderes Vorbild und dafür, dass wir alle aufwachen. Denn ohne junge Schiedsrichter wird es bald keinen Jugendfußball mehr geben. Und das liegt allein an uns.
- 01Die Realität: was am Spielfeldrand wirklich passiert
- 02Wer pfeift unsere Jugendspiele eigentlich?
- 03Warum verlieren Trainer und Eltern so schnell die Beherrschung?
- 04Was es mit den Schiedsrichtern macht
- 05Was du als Trainer ändern kannst — fünf konkrete Verhaltensregeln
- 06Was du als Elternteil ändern kannst
- 07Was die Vereine und Verbände tun müssen
- 08Mein Wunsch — als Vater und als Trainer
Die Realität: was am Spielfeldrand wirklich passiert
Es ist Samstagvormittag, 11 Uhr, D-Jugend-Spiel auf irgendeinem Vereinsplatz in Deutschland. Auf dem Platz stehen 16 Kinder zwischen 11 und 12 Jahren. Die Schiedsrichterin ist 14, vielleicht 15. Sie pfeift seit drei Monaten, sie hat ihre Prüfung gerade hinter sich, sie kennt die Regeln besser als die meisten Trainer. Und trotzdem wird sie nach 20 Minuten zum ersten Mal angeschrien: 'DAS WAR DOCH KEIN FOUL!' Der Trainer der einen Mannschaft, ein erwachsener Mann mit Bauch und roter Trainingsjacke, baut sich auf wie ein Berg. Die Schiedsrichterin senkt den Blick, pfeift weiter. Drei Minuten später kommt die nächste Szene. Diesmal sind es die Eltern auf der gegenüberliegenden Seite: 'BIST DU BLIND ODER WAS?' — laut genug dass es alle hören. Die Kinder auf dem Platz schauen verwirrt. Was lernen sie da gerade? Genau das: dass man Schiedsrichter anschreien darf. Dass Entscheidungen verhandelbar sind. Dass man im Recht ist, wenn man am lautesten brüllt. Und dann ist da noch der Trainer der eigenen Mannschaft, der nach jeder zweiten Entscheidung den Kopf schüttelt, demonstrativ in die Hocke geht, die Hände hochreißt. Er sagt nichts. Aber seine Körpersprache schreit. Die Kinder sehen es. Die Schiedsrichterin sieht es auch. Und am Ende des Spiels ist sie fertig. Nicht körperlich — emotional. Sie hat 70 Minuten lang gegen einen unsichtbaren Druck gepfiffen. Gegen das Gefühl, alles falsch zu machen. Gegen den Lärm. Allein. Das ist nicht die Ausnahme. Das ist die Regel. Und das musst du dir bewusst machen, bevor du dieses Spielfeld nächstes Mal betrittst — egal ob als Trainer oder Elternteil.
Wer pfeift unsere Jugendspiele eigentlich?
Lass uns ehrlich sein: die meisten Jugend-Schiedsrichter in Deutschland sind selbst Jugendliche. Der Schiri-Schein kann ab 12 Jahren gemacht werden — und genau da fangen viele an. Die jungen Schiris pfeifen in der Regel D-Jugend bis A-Jugend, manchmal auch Erwachsenenspiele in der Kreisklasse, aber das ist die Ausnahme. Mit anderen Worten: das Kind, das gerade dein Spiel pfeift, ist oft nicht viel älter als die Spieler auf dem Platz. Und jetzt kommt der Punkt, der vielen am Spielfeldrand nicht klar ist: in der Jugend pfeift die Schiedsrichterin ALLEINE. Keine Linienrichter, keine Assistenten, keine vierte Schiedsrichterin. Eine Person, ein Pfiff, 100 Prozent Verantwortung. Du als Spieler oder Trainer hast das Privileg, in einer Mannschaft zu sein. Die Schiri hat niemanden. Sie muss in 90 Sekunden zwischen den 16-Meter-Räumen wechseln, das Abseits selber erkennen, das Foul beurteilen, die Karte ziehen — und gleichzeitig das Spielergebnis verwalten, die Zeit stoppen, die Wechsel notieren. Mit 14, 15 Jahren. Im Ehrenamt. Für 15 Euro pro Spiel.
Was viele Eltern nicht wissen
Schiedsrichter im Jugendbereich werden vom Verein gestellt — das ist Pflicht. Jeder Verein muss eine bestimmte Anzahl von Schiedsrichtern haben, sonst gibt es Strafen vom Verband. Und genau hier liegt das Problem: weil immer weniger junge Leute Schiri werden wollen (warum wohl?), nimmt jeder Verein die jüngsten, die sich noch trauen. Es ist ein Teufelskreis. Schlechtes Verhalten am Spielfeldrand → weniger Nachwuchs → mehr Druck auf die wenigen, die noch pfeifen → noch mehr hören auf. Wenn das so weitergeht, pfeifen in 5 Jahren keine Spiele mehr.
Warum verlieren Trainer und Eltern so schnell die Beherrschung?
Ich habe lange darüber nachgedacht, weil ich selbst Trainer bin und mich auch ertappe. Es gibt drei Hauptgründe, warum am Spielfeldrand so getobt wird. Erstens: Identifikation. Wenn dein Kind oder deine Mannschaft auf dem Platz steht, geht jede Aktion durch deinen eigenen Körper. Eine Fehlentscheidung gegen dein Team fühlt sich an wie eine persönliche Beleidigung. Das ist evolutionär — wir verteidigen unsere Stamm-Mitglieder. Aber wir sind keine Bundesliga-Profis. Es geht um D-Jugend. Um nichts. Zweitens: Frust-Projektion. Wenn deine Mannschaft 0:3 hinten liegt, suchst du einen Schuldigen. Die Schiedsrichterin ist das einfachste Ziel, weil sie der einzige Erwachsene ist (oder wirkt) der außerhalb deines Teams steht. Ein Klassiker. Wenn du heute Abend ehrlich vor dem Spiegel stehst und sagst 'ich hab die Schiri angeschrien, weil wir verloren haben' — dann hast du die Wahrheit gefunden. Drittens: Schlechte Vorbilder. Wir alle haben Bundesliga im Kopf — die Trainer brüllen am Bildschirm, die Spieler diskutieren mit Schiris, die VAR-Diskussionen dominieren die Sportschau. Das wirkt auf uns. Wir denken: das gehört dazu. Tut es aber nicht. Und in der Jugend schon gar nicht.
Was es mit den Schiedsrichtern macht
Ich rede regelmäßig mit meiner Tochter über ihre Spiele. Es gibt Wochenenden, an denen sie nach Hause kommt und einfach nur müde ist. Nicht vom Laufen — sie läuft viel auf dem Platz, das macht ihr Spaß. Müde vom Verarbeiten. Vom emotionalen Druck, dem sie ausgesetzt war. Es gibt Wochenenden, an denen sie geweint hat, weil ein Trainer sie so brutal angeschrien hat, dass sie sich nicht mehr getraut hat zu entscheiden. Sie war 12. Und sie ist nicht allein. Der DFB veröffentlicht regelmäßig Zahlen über Gewalt im Amateurfußball — körperliche Übergriffe, verbale Eskalationen, Spielabbrüche. Die Zahlen steigen seit Jahren. In manchen Verbänden sind 80% der Schiri-Aussteiger Jugendliche, die nach weniger als zwei Jahren wieder aufhören. Hauptgrund: Anfeindungen, fehlender Respekt, kein Rückhalt vom Verein. Wer würde sich das auch antun, mit 13, 14, 15 Jahren, für 15 Euro pro Spiel? Was das mit unseren Kindern macht, die pfeifen wollen, ist verheerend. Sie verlieren das Vertrauen in Erwachsene als Vorbilder. Sie lernen, dass Engagement bestraft wird. Sie hören auf, bevor sie richtig angefangen haben. Und wir verlieren eine Generation von jungen Menschen, die sich für den Sport einsetzen wollten — weil wir es nicht geschafft haben, am Spielfeldrand die Klappe zu halten.
Was du als Trainer ändern kannst — fünf konkrete Verhaltensregeln
Ich weiß, du willst nicht der Trainer sein, der brüllt. Niemand will das. Aber im Eifer des Gefechts passiert es. Hier sind fünf konkrete Regeln, die ich mir selber auferlegt habe und die mir wirklich helfen — vielleicht funktionieren sie auch für dich.
1. Vor dem Spiel: bewusster Handschlag
Geh vor jedem Spiel zur Schiedsrichterin, gib ihr die Hand, schau ihr in die Augen, sag ihren Namen. Das ist kein Trick — das ist Respekt. Sie merkt, dass du sie als Mensch siehst, nicht als Pfeife. Das verändert die ganze Spielatmosphäre. Und es zwingt dich selbst, sie als Person wahrzunehmen. Du wirst seltener brüllen können, wenn du ihr gerade die Hand gegeben hast.
2. Während des Spiels: maximal eine Geste pro Halbzeit
Setz dir das harte Limit. Maximal eine sichtbare Reaktion pro Halbzeit. Nicht eine pro Aktion. Nicht eine pro Minute. EINE. Das zwingt dich, dir das auch wirklich aufzuheben für eine Szene, die wirklich krass war. Bei allem anderen: tief atmen, weitercoachen, deinen Spielern erklären was sie besser machen können. Nicht der Schiri zeigen wo der Fehler liegt.
3. Deine Spieler erziehen — nicht die Schiri
Wenn dein Spieler über eine Entscheidung diskutiert, hol ihn raus. Sofort. Auch wenn du gewinnen willst. Auch wenn er dein Bester ist. Drei Minuten Bank. Erklär ihm: 'Du diskutierst nicht. Punkt.' Das ist die wichtigste Lektion deines ganzen Trainings. Wichtiger als jeder Pass, jeder Schuss, jede Taktik. Wenn du das hinkriegst, bist du ein guter Trainer.
4. Nach dem Spiel: Feedback an Schiri geben — konstruktiv
Geh nach Spielende nochmal zur Schiedsrichterin. Sag 'Danke, war ein anstrengendes Spiel.' Wenn du wirklich Feedback hast, dann ruhig und sachlich. 'Ich hab das Foul in der 32. nicht verstanden, kannst du es mir erklären?' Sie wird dir antworten. Du wirst dazulernen. Beide gehen mit einem besseren Gefühl nach Hause. Das ist Mannschaftssport mit Respekt.
5. Mit den Eltern reden
Das ist der unangenehmste Punkt — aber der wichtigste. Sprich mit deinen Eltern. Vor der Saison, vor jedem Turnier, auch zwischendurch. Sag klar: 'Wer am Spielfeldrand die Schiri anschreit, darf zu unseren Spielen nicht mehr kommen.' Setz das durch. Schließ Eltern aus. Ja, das ist hart. Aber wenn du als Trainer signalisierst dass du das nicht tolerierst, ändert sich die Atmosphäre des ganzen Vereins. Ich hab das bei uns gemacht und es funktioniert.
Was du als Elternteil ändern kannst
Eltern sind oft das eigentliche Problem am Spielfeldrand. Trainer kennen die Regeln, Trainer haben eine Lizenz, Trainer wissen meistens wann sie zu weit gehen. Eltern haben das nicht. Sie sind emotional involviert über ihr Kind, sie haben oft keine Ahnung von den Regeln, und sie fühlen sich legitimiert, weil 'das mein Kind ist'. Die Wahrheit ist: dein Kind lernt mehr von dir am Spielfeldrand als vom Trainer im Training. Wenn du brüllst, lernt es, dass Brüllen ok ist. Wenn du nach dem Spiel nur über die Schiri redest, lernt es, dass Niederlagen jemand anderes Schuld sind. Wenn du den Sieg höher hängst als den Sport, lernt es, dass es nur ums Gewinnen geht. Und in 10 Jahren steht es selbst am Spielfeldrand und macht dasselbe. Der Kreis schließt sich.
Drei Regeln für Eltern beim Jugendspiel
Erstens: keine Anweisungen während des Spiels. Lass den Trainer trainieren. Du sitzt auf der Bank, nicht am Spielfeld. Dein Kind soll auf einen Trainer hören, nicht auf zehn Eltern. Zweitens: keine Schiri-Kommentare. Punkt. Auch nicht leise zur Sitznachbarin. Auch nicht 'der hat doch das Foul gesehen'. Schweigen, oder anfeuern. Drittens: nach dem Spiel nicht über die Schiri reden. Frag dein Kind 'hattest du Spaß?' Nicht 'warum hat die das nicht gepfiffen?'. Das ändert alles. Du wirst sehen wie dein Kind den Sport plötzlich anders erlebt — als Spiel, nicht als Kampf.
Was die Vereine und Verbände tun müssen
Wir können nicht alles auf das Verhalten von Einzelnen schieben. Vereine und Verbände müssen aktiv werden — und viele tun das auch schon, aber lange nicht genug. Es braucht klare Konsequenzen: wer einen Jugend-Schiri anschreit, fliegt für ein Spiel raus. Wiederholungstäter länger. Vereine müssen ihre Schiedsrichter aktiv schützen — durch erfahrene Begleiter beim ersten Spiel, durch Nachbesprechungen, durch ein Sicherheitsgefühl. Und die Verbände müssen Schiedsrichter besser bezahlen, besser ausbilden, besser betreuen. Der DFB hat in den letzten Jahren das 'Schiedsrichter-Schutzschild' und ähnliche Initiativen gestartet. Das ist ein Anfang. Aber es muss in jedem Verein gelebt werden, nicht nur als Plakat im Vereinsheim. Wenn dein Verein keine klare Linie hat, sprich den Vorstand an. Wenn du Vorstand bist, schaff eine. Es geht um die Zukunft des Sports.
Mein Wunsch — als Vater und als Trainer
Ich wünsche mir, dass meine Tochter weiterhin Lust hat zu pfeifen. Dass sie nicht aufgibt, nicht ausbrennt, nicht das Vertrauen in Erwachsene verliert. Ich wünsche mir, dass sie nach jedem Spiel mit Stolz nach Hause kommt, nicht mit Tränen. Und ich wünsche mir, dass das auch für alle anderen jungen Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter in Deutschland gilt. Dazu müssen wir uns alle bewegen. Trainer, Eltern, Vereine, Verbände. Das fängt klein an — bei dir, beim nächsten Spiel. Geh hin, gib der Schiri die Hand, halt die Klappe wenn sie pfeift, bedank dich danach. Klingt banal? Ist es auch. Aber wenn das jeder macht, ändern wir die Spielfeldkultur in Deutschland. Wenn nicht, verlieren wir den Jugendfußball. Es liegt an uns.
Mach dieses Thema zur Pflicht in deinen Eltern-Meetings. Vor jeder Saison: 15 Minuten zum Thema Spielfeldrand-Verhalten. Mach ein klares Statement: 'In unserem Verein wird die Schiedsrichterin behandelt wie eine erwachsene Respektsperson — egal wie alt sie ist.' Verteile auch ein einseitiges Merkblatt mit den Regeln aus diesem Artikel (drei Eltern-Regeln, fünf Trainer-Regeln). Und wenn du selbst eine Mannschaft trainierst: führe einen 'Respekt-Wechsel' ein — wer mit dem Schiri diskutiert, kommt sofort vom Platz. Drei Wochen konsequent durchgezogen, dann ist es selbstverständlich. Deine Spieler werden zu den besten Vorbildern in der Liga.
Jugend-Schiedsrichter sind keine Profis. Sie sind oft selbst noch Kinder. Sie pfeifen ehrenamtlich, allein, ohne Rückhalt — und sie machen einen Job, ohne den unser ganzer Jugendfußball nicht stattfinden würde. Wenn wir aufhören, sie anzuschreien, ihnen den Respekt entgegenbringen, der jeder erwachsenen Person zusteht, und unsere eigenen Spieler und Eltern erziehen — dann haben wir nicht nur bessere Spiele. Wir geben jungen Menschen wie meiner Tochter eine Erfahrung, die sie ein Leben lang trägt: dass Engagement gesehen wird, dass Verantwortung übernehmen sich lohnt, dass Erwachsene Vorbilder sein können. Das ist der wahre Wert von Jugendfußball. Lass uns ihn nicht verspielen.
Willst du Taktik systematisch verstehen? Im großen Fußball-Taktik-Guide findest du alle Formationen, Spielstile und Standards — nach Altersklasse erklärt.