Matchday — was macht ein Trainer am Spieltag?
Vom Kader-Planen bis zum Schlusspfiff: mein kompletter Spieltag aus Vereins-Trainer-Sicht
Spieltag. Drei Buchstaben, ein Wort, eine ganze Welt an Vorbereitung. Wenn du zum ersten Mal eine Mannschaft trainierst und am Sonntag steht das erste Spiel an, weißt du oft nicht wo du anfangen sollst. Wann gibst du den Kader frei? Was sagst du in der Kabine? Wie wärmst du auf? Wie viel sollst du am Spielfeldrand schreien? Was machst du nach einer Niederlage? Ich erzähle dir hier wie ich das in der Mädchen-C-Jugend beim FSV Buckenberg mache — ehrlich, mit allen Details, in der Reihenfolge wie es wirklich passiert. Kein Theorie-Quatsch, sondern echte Praxis aus dem Vereinstraining.
- 01Die Woche vorher — Kader-Planung mit Spielerplus
- 02Eine Stunde vor Anpfiff — Treffen am Platz
- 03Das Kabinen-Briefing — Aufstellung erklären mit der Taktiktafel
- 04Das Aufwärmen — Pass-Vierecke mit Richtungswechsel
- 05Während des Spiels — weniger coachen ist mehr
- 06Halbzeit — was sagst du in der Kabine?
- 07Wechsel-Politik — alle Spielerinnen spielen gleich lang
- 08Nach dem Schlusspfiff — Mannschaftskreis und ehrliches Feedback
- 09Die wichtigste Lektion — es geht nicht ums Gewinnen
Die Woche vorher — Kader-Planung mit Spielerplus
Mein Spieltag beginnt nicht am Sonntag um 9 Uhr in der Kabine. Mein Spieltag beginnt eine Woche vorher — meistens am Sonntag direkt nach dem letzten Spiel oder am Montag früh. Ich nutze die App Spielerplus für die ganze Kader-Kommunikation. Das ist im DACH-Vereinsfußball Standard und macht das Ganze deutlich einfacher. Der Ablauf: Am Sonntag oder Montag gebe ich in der App den Kader für den nächsten Spieltag frei. Ich wähle aus, welche Mädels ich gerne dabeihaben möchte. Das sind in der Regel 13-15 Spielerinnen — ein bisschen mehr als die Mannschaftsgröße, damit bei Krankheit noch genug da sind. Sobald der Kader freigegeben ist, kriegen die Eltern eine Benachrichtigung über die App und können zusagen oder absagen. Meine Deadline für die Zusage ist immer Donnerstag. Warum? Weil ich dann noch zwei Tage Puffer habe, um Spieler nachzunominieren falls zu viele absagen. Gerade im Winter passiert das öfters — Erkältungen, Magen-Darm, alles dabei. Wenn am Donnerstag drei Mädels abgesagt haben, kann ich am Freitag noch jemanden aus der niedrigeren Altersklasse oder der zweiten Mannschaft fragen. Ohne diese Deadline kommt am Samstagabend die Nachricht und dann ist es zu spät. Freitags lege ich dann im DFBnet (die offizielle Plattform vom Deutschen Fußball-Bund) die Spielerinnen und die Startaufstellung an. Das ist Pflicht — am Spieltag wird das vom Schiri kontrolliert. Wenn jemand nicht eingetragen ist, darf der oder die nicht mitspielen.
Eine Stunde vor Anpfiff — Treffen am Platz
Am Spieltag selbst treffen wir uns eine Stunde vor dem Anpfiff am Sportplatz. Eine Stunde klingt nach viel — ist es aber nicht. In dieser Stunde passieren mindestens vier Dinge: Umziehen, Kabinen-Briefing, Aufwärmen, Einlaufen. Ich bin meistens schon 15 Minuten früher da als die Mädels. Das gibt mir Zeit den Platz zu checken (manchmal liegt Müll rum oder es gibt Pfützen die man umlaufen kann), die Trainerbank aufzubauen, die Wasserflaschen bereitzustellen und mich selber kurz zu sammeln. Wenn die Mädels reinkommen bin ich entspannt, nicht hektisch — das überträgt sich sofort auf die Mannschaft. Die Mädels ziehen sich um. Während sie das machen, packe ich meine Taktiktafel aus, lege die Leibchen bereit und denke nochmal kurz durch was ich gleich sagen will. Diese 10-15 Minuten in der Kabine sind oft entspannt — die Mädels quatschen, lachen, kommen in den Trainings-Modus rein. Das ist gut so. Ich versuche nicht mit nervöser Energie reinzufahren.
Das Kabinen-Briefing — Aufstellung erklären mit der Taktiktafel
Sobald alle umgezogen sind, kommt mein Kabinen-Briefing. Ich nehme meine Taktiktafel und gehe in die Mitte. Erst hole ich mir alle Augen — ein kurzes 'So Mädels, kurz herhören!' reicht meist. Dann erkläre ich die Aufstellung. Und jetzt kommt etwas was bei mir anders ist als bei vielen anderen Trainern: Ich verteile die Leibchen nach Linien — aber nur fürs Aufwärmen. Abwehr kriegt eine Farbe, Mittelfeld eine andere, Sturm eine dritte. Sobald wir auf den Platz gehen, tragen die Mädels die Leibchen über dem Trikot. Im Spiel selbst sind sie dann natürlich nur im Trikot. Warum diese Leibchen-Sache? Weil sie den Mädels im Aufwärmen visuell sofort klar macht wer wo spielt. Wenn wir in den Pass-Vierecken stehen kann ich sagen 'Die Roten und Blauen passen sich, die Gelben sind die Empfänger' — und jeder weiß sofort wer gemeint ist. Außerdem prägt sich die Positionseinteilung in den 25 Min Aufwärmen bei den Mädels visuell ein. Wenn der Anpfiff kommt, wissen sie schon im Kopf wer mit wem zusammenarbeitet. Kleines Detail, große Wirkung gerade bei jüngeren Spielerinnen. Wenn ich die Aufstellung an der Tafel erkläre, mache ich das ganz ruhig. Ich sage zu jeder Spielerin direkt: 'Du spielst heute hinten links, du machst das auch im Training schon, das passt für dich.' Damit weiß jede Mädels nicht nur ihre Position, sondern auch dass ich ihr vertraue. Bei Mädchen ist das nochmal wichtiger als bei Jungs — Selbstvertrauen ist die halbe Miete.
Das Aufwärmen — Pass-Vierecke mit Richtungswechsel
Nach dem Kabinen-Briefing geht es raus auf den Platz. Mein Aufwärmen besteht aus zwei Teilen: einer Pass-Übung in Vierecken und einer kleinen Spielform. Für die Pass-Übung baue ich drei Vierecke nebeneinander auf. Pro Viereck stehen vier Spielerinnen — an jeder Ecke eine — außer an einer Ecke, wo zwei Spielerinnen hintereinander stehen (die mit dem Ball). Der Ablauf: Spielerin A1 spielt den Ball zum Gegenüber A2 auf der nächsten Ecke. A2 lässt den Ball mit der ersten Berührung zurückprallen zu A1. A1 spielt jetzt einen diagonalen Pass in den Lauf zu A3 auf der nächsten Ecke. A3 nimmt mit, spielt weiter zu A4. A4 lässt prallen, A3 spielt diagonal — und so geht das im Kreis. Nach 5 Minuten rufe ich 'Richtungswechsel!' und alles geht andersrum. Warum diese Übung? Erstens: alle sind ständig in Bewegung. Es gibt kein 'erstmal warten bis ich dran bin'. Zweitens: die Mädels haben sofort viele Ballkontakte und kommen ins Ballgefühl rein. Drittens: die Übung trainiert genau die Aktionen die später im Spiel kommen — kurzer Pass, Prallpass, Diagonale in den Lauf. Der Torwart macht übrigens mit. Auch sie braucht Ballgefühl und ist dann nicht so isoliert von der Mannschaft. Während die Mädels die Pass-Übung machen, baue ich parallel das Spielfeld für Teil 2 auf. Ein Feld etwa 25 mal 20 Meter, mit zwei kleinen Dribbeltoren (zwei Hütchen mit Lücke) auf beiden Seiten. So habe ich keine Pause zwischen den Aufwärm-Teilen — sobald die Pass-Übung fertig ist, geht es direkt weiter. Teil 2: Abwehr gegen Mittelfeld, der Stürmer ist neutraler Anspieler. Das bedeutet sie spielt immer für die Mannschaft die gerade im Ballbesitz ist mit. Ziel: durch Kombinationen den Ball durch eines der Dribbeltore spielen. 15 Minuten lang. Das ist intensiv, spielnah und wieder mit vielen Ballkontakten. Zum Schluss machen wir noch ein paar Torschüsse — gibt der Mannschaft das Gefühl 'ich bin bereit für mein Tor heute'. Wenn du die 25 Minuten zusammenrechnest, hat jede Spielerin in dieser Zeit fast permanent den Ball am Fuß. Das ist mehr Ballkontakt als manche in einem ganzen Spiel haben. Genau das ist das Ziel: warm, locker, fokussiert ins Spiel gehen.
Während des Spiels — weniger coachen ist mehr
Wenn der Schiri pfeift, laufen wir ein. Vor dem Anpfiff gebe ich noch einen kurzen Satz mit: 'Respektiert jede Schiri-Entscheidung — wir diskutieren nicht.' Das mache ich auch selbst vor — wenn ich als Trainer rummeckere, lernen die Mädels das genauso. Wenn ich ruhig bleibe, bleiben sie auch ruhig. Während des Spiels coache ich erstaunlich wenig. Das überrascht viele Anfänger-Trainer — die denken sie müssten ständig schreien und Anweisungen geben. Bei mir nicht. Warum? Weil meine Mannschaft im Training auf das Spiel vorbereitet wird. Die Mädels wissen wie wir spielen, was wir wollen, wo sie stehen. Wenn ich jetzt im Spiel jede Aktion kommentiere, mache ich sie nervös und sie spielen schlechter. Ich sage höchstens kurze Hilfen wie 'Pass auf, die hat keinen Gegner' oder 'Decke die kurze Seite ab'. Konkrete, einzelne Hinweise — nicht ständig. Lieber zwei mal pro Halbzeit etwas Wichtiges, als 20 mal pro Halbzeit was Überflüssiges. Die Mädels brauchen Konzentration aufs Spiel, nicht auf mich. Das wichtigste was du als Anfänger-Trainer am Spielfeldrand lernen kannst: Halt einfach mal die Klappe und lass spielen. Du wirst sehen — die Spieler entwickeln sich besser wenn sie selbst Entscheidungen treffen müssen.
Halbzeit — was sagst du in der Kabine?
In der Halbzeit gehen wir in die Kabine. 10 Minuten Zeit. Hier ist meine Reihenfolge — und ich bleibe immer bei dieser Reihenfolge weil sie funktioniert: Erstens: Was lief richtig gut? Ich nenne 2-3 konkrete Sachen. 'Die Verteidigung hat den langen Ball gut abgefangen', 'Eure Pass-Geschwindigkeit in der Mitte war top.' Damit beginne ich. Punkt. Zweitens: Was können wir besser machen? Ich nenne maximal 2 Punkte. Mehr nicht. Die Mädels können sich nicht 7 Sachen merken in 10 Minuten — und schon gar nicht im Spiel umsetzen. Also nur 2 Dinge, kurz erklärt, konkret. 'Wir müssen die rechte Außenstürmerin enger decken' oder 'Lasst euch hinten mehr Zeit beim Aufbau.' Drittens — und das ist das wichtigste: Ich mache keine Spielerin runter. Niemals. Auch wenn jemand einen riesigen Fehler gemacht hat, der zum Gegentor geführt hat. Ich gehe nicht persönlich auf einzelne ein in der Kabine. Wenn ich was klären muss, mache ich das später unter vier Augen. In der Kabine vor der ganzen Mannschaft ist sowas Gift — die Spielerin spielt danach schlechter, die anderen haben Angst auch Fehler zu machen, der ganze Vibe geht den Bach runter. Wenn jemand sichtbar frustriert ist nach einem Fehler, gehe ich kurz hin und sage etwas wie 'Hey, war Pech. Beim nächsten Mal klappts. Vertrau dir!' Mehr nicht. Ermutigen statt herunterziehen.
Wechsel-Politik — alle Spielerinnen spielen gleich lang
Eine Sache die mich von vielen anderen Vereinstrainern unterscheidet: Bei mir spielen alle Mädels gleich lang. Egal ob in der Startelf oder als Auswechselspielerin. Mein System: nach 15 Minuten in der ersten und zweiten Halbzeit wird gewechselt. Damit kommen alle Mädels rein und alle haben am Ende ähnliche Spielzeit. Für viele Trainer ist das ungewöhnlich. Die typische Vereins-Logik ist: 'Die besten Spielerinnen spielen am längsten, die schwächeren werden gegen Ende eingewechselt oder gar nicht.' Ich mache das anders. Warum? Weil meine Hauptaufgabe als Jugendtrainer nicht ist Spiele zu gewinnen — sondern Spielerinnen zu entwickeln. Eine Spielerin die nur 5 Minuten spielt, entwickelt sich nicht. Sie verliert die Lust am Verein, sie verliert das Vertrauen in sich, irgendwann hört sie auf. Wenn ich aber sehe dass alle 13 Mädels jede Woche ihre 30-40 Minuten Spielzeit kriegen, entwickeln sich alle — und in 2 Jahren habe ich eine viel breitere und stärkere Mannschaft als wenn ich nur auf die besten 7 setze. Im Erwachsenenbereich ist das anders. Aber im Jugendfußball ist das mein klares Prinzip. Und ehrlich gesagt: bei den Mädels merke ich, dass dieser faire Umgang das Mannschaftsgefühl unglaublich stärkt. Niemand fühlt sich abgehängt.
Nach dem Schlusspfiff — Mannschaftskreis und ehrliches Feedback
Sobald der Schiri abpfeift, treffen wir uns im Mannschaftskreis auf dem Platz. Egal ob wir gewonnen oder verloren haben — dieser Kreis findet immer statt. Hier mache ich Folgendes: Ich lobe als erstes die Mannschaft. Auch bei einer Niederlage. 'Ihr habt heute genau das umgesetzt was wir im Training geübt haben — die Pässe, die Laufwege, die Tor-Aktionen. Heute hat das Ergebnis nicht gepasst, aber nächste Woche gewinnen wir wieder.' Genau diese Sätze nutze ich immer wieder. Die Mädels gehen mit einem positiven Gefühl nach Hause — und kommen am Mittwoch wieder mit Motivation zum Training. Wenn wir gewonnen haben sage ich: 'Super gespielt! Wer hatte heute am meisten Spaß?' Hände hoch. Dann hole ich mir auch 1-2 Kommentare aus der Mannschaft — 'Was war heute am besten?' Die Mädels reden lassen ist Gold. Sie lernen reflektieren und es zeigt ihnen dass ihre Meinung zählt. Wichtig: Ich gehe in diesem Kreis nicht auf einzelne Fehler ein. Wenn ich etwas Konkretes ansprechen muss, mache ich das am nächsten Trainingsbeginn — in Ruhe, ohne Emotionen, unter vier Augen wenn nötig. Danach: Abklatschen, Verabschiedung der Eltern, Equipment einpacken. Ich gehe meistens als letzter vom Platz — checken ob nichts liegen geblieben ist, mit den letzten Eltern noch quatschen. Das gehört dazu.
Die wichtigste Lektion — es geht nicht ums Gewinnen
Wenn ich diesen ganzen Spieltag-Ablauf zusammenfasse, kommt eine einzige Erkenntnis raus: Im Jugendbereich geht es nicht ums Gewinnen. Es geht darum dass die Kinder spielen, sich entwickeln und Spaß haben. Klingt simpel, ist es nicht. Wir Trainer-Anfänger fangen oft mit dem falschen Mindset an. Wir wollen erfolgreich sein, gewinnen, der Mannschaft etwas beibringen. Aber wenn du als Vereinstrainer mit Jugendlichen wirklich was bewegen willst, drehst du das um. Du fragst dich nicht 'wie gewinnen wir heute?' sondern 'wie entwickeln sich meine Spielerinnen heute weiter?'. Und das Lustige: Wenn du diese Frage in den Mittelpunkt stellst, kommt der Erfolg von alleine. Spielerinnen die sich entwickeln und Spaß haben werden besser. Eine Mannschaft die gerne zum Training kommt arbeitet härter. Und dann gewinnst du irgendwann auch — aber als Nebeneffekt, nicht als Hauptziel. Wenn du als Anfänger-Trainer eines aus diesem Artikel mitnimmst: Halte den Spieltag-Ablauf simpel und konsistent. Plane gut vor dem Spiel. Coache wenig während des Spiels. Lobe nach dem Spiel. Und gib jedem Kind die Spielzeit die es verdient — alle, nicht nur die besten.
Probier diesen Ablauf in der nächsten Spielwoche aus. Schreib dir den Zeitplan auf einen Zettel: Sonntag Kader, Donnerstag Deadline, Freitag DFBnet, Spielsonntag 1h vorher Treffen. Dann notier dir die 3 Kabinen-Punkte: Aufstellung mit Tafel, Leibchen nach Linien, kurzer Motivations-Satz. Und das Aufwärm-Setup: Pass-Vierecke 5 Min, Spielform 15 Min, Torschüsse 5 Min. Wenn du diesen Ablauf 2-3 mal durchgemacht hast, läuft er automatisch — und du hast endlich Zeit dich auf das eigentliche Coaching zu konzentrieren.
Ein Spieltag ist kein Sprint, sondern ein Marathon der eine Woche vorher beginnt. Wenn du die Kader-Planung, das Kabinen-Briefing, das Aufwärmen und die Wechsel-Politik im Kopf hast, kannst du dich am Spielfeldrand auf das Wesentliche konzentrieren: die Mädels spielen lassen und sie als Mensch und Spielerin weiterentwickeln. Vergiss das Ergebnis. Konzentrier dich darauf dass alle Kinder spielen, dass alle Spaß haben und dass jeder Spieltag eine kleine Stufe in ihrer Entwicklung ist. Wer das durchzieht, hat in 2 Jahren eine Mannschaft die nicht nur erfolgreich ist — sondern auch gerne kommt.
Willst du Taktik systematisch verstehen? Im großen Fußball-Taktik-Guide findest du alle Formationen, Spielstile und Standards — nach Altersklasse erklärt.